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Was etwas echt macht

Zum Auftakt von Blue Ink: römisches Silber, ein gefälschter Vermeer und die Klage von Supreme

MarqVision17 Min. Lesezeit

Es gibt eine seltsame Welt, in der derjenige, der etwas zuerst gemacht hat, beweisen muss, dass es ihm gehört. Von gefälschten römischen Silbermünzen bis zu Fälschungen aus der KI: Die Geschichte der Fälschung ist auch eine Geschichte des Beweises. Hier beginnt Blue Ink, ein Journal über Echtes und Falsches und über Marken.

Präsentiert von der MarqVision-Redaktion.

„Sehen die meisten Buchgestaltungen nicht ohnehin so aus?“

Diesen Satz hörte ich im fünften Stock eines Gebäudes gegenüber dem Bahnhof Seoul, in einem Schlichtungsraum der Korea Copyright Commission. Der Raum war wie ein Gerichtssaal eingerichtet: Antragsteller und Antragsgegner saßen sich gegenüber, dazwischen die Schlichtungskammer. Ein Kammermitglied hatte lange in zwei Büchern geblättert, einem, das ich konzipiert hatte, und einem, das ich verdächtigte, es kopiert zu haben. Sein Fazit: Mein Buch sei kaum als besonders originell zu bezeichnen, das andere ebenso wenig als Plagiat. Die beiden Seiten sollten sich am besten einfach aussprechen und einigen, fügte er hinzu.

Seine Worte gingen mir nach. Nicht, weil ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich begann zu glauben, dass er recht haben könnte.

Haben Sie schon einmal etwas nachgeahmt oder kopiert, das jemand anderes geschaffen hat? Nun die umgekehrte Frage: Hat schon einmal jemand etwas kopiert, das Sie geschaffen haben? Je länger man an etwas gearbeitet hat, desto weniger gleicht das Gefühl, es kopiert zu sehen, bloßer Wut. Es kommt eher dem Gefühl nahe, ungerecht behandelt zu werden, genauer gesagt der Ohnmacht. Man muss selbst die Gründe finden und belegen, warum das Werk einem gehört.

Ich beginne mit zwei persönlichen Geschichten.

Eine Einladung, fast identisch

Im Mai 2018, als wir unsere Hochzeit vorbereiteten, gestalteten meine Frau und ich unsere Einladungen selbst. Sie war Designerin, ich Redakteur, also machten wir alles selbst, von der Gestaltung bis zum Text. Wir druckten eine kleine Auflage und gaben sie nur engen Freunden.

Die Hochzeitseinladung, die wir 2018 selbst gestaltet haben (Foto © Studio Dii)

Ein Freund, dem die Einladung gefiel, stellte uns jemandem vor. Diese Person überlegte, meine Frau mit der Gestaltung einer Einladung zu beauftragen, ließ es aber wegen der Kosten bleiben. Einige Zeit später erfuhren wir zufällig, dass ihre Einladung unserer fast aufs Haar glich, bis hin zum Layout, zu den Bildern und sogar zur Formulierung der Texte.

Für meine Frau war das ein echter Schock. Die Sache endete mit einer Entschuldigung und einer kleinen Zahlung, doch geklärt fühlte sich nichts an. Es gab von vornherein nichts, was man hätte zurückgeben können. „Das muss doch eine der wichtigsten Einladungen in ihrem Leben sein. Warum nehmen sie einfach etwas, das jemand anderes gemacht hat?“, fragte sie mich an jenem Tag. Ich hatte keine Antwort.

Ein Buch mit ähnlichem Konzept

Die Szene im Schlichtungsraum war meine zweite Erfahrung.

Als ich bei einem Zeitschriftenverlag arbeitete, konzipierte ich eine neue Buchreihe. Das Konzept: ein Beruf pro Band, mit Interviews mit fünf oder sechs Menschen, die diesen Beruf ausüben, und ein oder zwei Essays. Das erste Buch lief gut genug für eine zweite Auflage. Etwa als das zweite erschien, erzählte mir ein Bekannter von einem anderen Buch mit ähnlichem Format, ähnlichem Umschlag und ähnlich gestaltetem Inhaltsverzeichnis, sogar mit ähnlichem Konzept.

Wir meldeten der Kommission die Verletzung, und eine Schlichtung wurde anberaumt. Am Tisch zu sitzen und der Gegenseite ins Gesicht zu sehen, war nicht angenehm. Mein Gesicht glühte, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte.

Die Schlichtung endete ohne Schuldzuweisung. Beide Parteien vereinbarten, wegen des Umschlags weder zivil- noch strafrechtlich gegeneinander vorzugehen. Die Gegenseite gab an, unser Buch nie angesehen zu haben, und ich hatte keine Möglichkeit, das Gegenteil zu beweisen. Man sagte mir sogar, Buchumschläge, Bauchbinden und Innenlayouts sähen sich nun einmal ähnlich. Für das Unternehmen bedeutete das verlorene Zeit und verlorenes Geld. Die Antragsgebühr hatten wir obendrein bezahlt.

Diese beiden Episoden sind nur persönliche Erfahrungen. Doch so etwas geschieht auch in der Geschäftswelt jeden Tag, nur in anderem Maßstab.

Eine lange Geschichte der Fälschung

Für eine Antwort lohnt sich ein Blick zurück. Fälschung, Nachahmung und Identitätsbetrug sind so alt wie die Menschheitsgeschichte. Menschen haben Geld gefälscht, Kunst gefälscht und sogar die Identität anderer angenommen. Spätere Beiträge werden auf diese Themen zurückkommen. Hier zunächst einige kurze Beispiele.

Geld. Schon in der späten Römischen Republik waren Münzen im Umlauf, bei denen ein Kern aus Kupfer oder Bronze unter einer dünnen Silberschicht lag. Münzexperten gaben ihnen später den Namen Fourrées. Viele gelten als Fälschungen, mit denen billiges Metall als Silber ausgegeben wurde. Silber war weit mehr wert als Kupfer, Fälschen lohnte sich also. Als der Prätor Marcus Marius Gratidianus Maßnahmen gegen das Münzchaos verkündete, wurde er bei den römischen Bürgern ungemein beliebt. Laut Seneca und Plinius wurden ihm in Straßen und Vierteln der ganzen Stadt Statuen errichtet.

Kunst. Im Mai 1945 wurde der niederländische Maler Han van Meegeren verhaftet. Man warf ihm vor, einen Vermeer von nationaler Bedeutung an den hochrangigen Nationalsozialisten Hermann Göring verkauft zu haben. Kollaboration mit Deutschland während des Krieges war ein schweres Verbrechen, auf das die Todesstrafe stehen konnte. Van Meegeren gestand, dass der „Vermeer“ in Wahrheit eine Fälschung war, die er selbst gemalt hatte.

„Narren!“, brüllte er seine Wärter an. „Ihr glaubt, ich hätte Göring einen unbezahlbaren Vermeer verkauft? Es gab keinen Vermeer – ich habe ihn selbst gemalt.“

Serena Davies, “The forger who fooled the world,” Telegraph, 2006

Als ihm niemand glaubte, malte er in Haft unter Aufsicht ein neues Bild nach derselben Methode. Experten fanden später ein Bindemittel aus einem Kunstharz des 20. Jahrhunderts, Farbspuren, die nicht in die Epoche passten, und absichtlich erzeugte Risse. Kobaltblau war einer der Hinweise, die die Fälschungen verrieten. Indem er bewies, dass er ein Fälscher war, entging er der Hinrichtung. Stattdessen wurde er 1947 wegen Fälschung und Betrugs vor Gericht gestellt und zu einem Jahr Haft verurteilt.

(Links) Han van Meegerens Christus in Emmaus „ist die berühmteste Fälschung der niederländischen Kunstgeschichte“, so die Website des Museums Boijmans Van Beuningen. Das Museum kaufte den „Vermeer“ 1937 und erfuhr erst nach dem Zweiten Weltkrieg, dass er gefälscht war. (Foto: Museum Boijmans Van Beuningen) (Rechts) Han van Meegeren bei der Arbeit, 1945 (Foto: Koos Raucamp / Anefo)

Identität. Im Koreakrieg diente an Bord des kanadischen Zerstörers HMCS Cayuga ein Schiffsarzt namens Joseph C. Cyr. Doch er war kein Arzt, und der Name gehörte ihm nicht. Er war Ferdinand Waldo Demara, ein Hochstapler, der sich sein Leben lang mit Erfolg als Bauingenieur, Hilfssheriff, Anwalt, Experte für Kinderbetreuung, Redakteur und Lehrer ausgegeben hatte.

Als drei schwer verwundete koreanische Guerillakämpfer an Bord gebracht wurden, behandelte er sie mithilfe medizinischer Lehrbücher und des Sanitäters des Schiffs. Laut dem CFB Esquimalt Naval and Military Museum soll er einem Mann eine Kugel aus der Brust entfernt und einen Fuß amputiert haben, und alle drei überlebten. Aufgeflogen ist er, als die Mutter des echten Joseph Cyr einen Zeitungsartikel über ihn sah.

Die Fälschung und ihre Antwort

Wo Fälschungen auftauchten, folgte fast immer der Echtheitsnachweis. Das Bemühen, Echtes von Falschem zu unterscheiden, hat sich gemeinsam mit der Fälschung selbst weiterentwickelt.

Nehmen wir die Silberschmiedekunst im mittelalterlichen England. Silber ist zu weich, um es pur zu verwenden, und muss mit anderen Metallen legiert werden, und beim Mischungsverhältnis wurde oft betrogen. Eduard I. legte einen gesetzlichen Feingehalt für Silber fest, und die Londoner Goldschmiedegilde stempelte nur Stücke, die ihn erfüllten, mit einem Leopardenkopf. 1327 verlieh Eduard III. der Gilde eine königliche Charta, und 1363 wurde eine Meistermarke Pflicht, die zeigte, wer das Stück gefertigt hatte.

Diese Zeichen heißen Hallmarks, nach der Goldsmiths’ Hall in London, wo Edelmetalle geprüft und gestempelt wurden. Das englische Wort steht heute auch für das prägende Merkmal einer Person, eines Gegenstands oder einer Marke. „Brand“, das vom Kennzeichnen des Viehs mit dem Zeichen des Besitzers kommt, und „Trademark“, das die Herkunft von Waren und Dienstleistungen anzeigt, haben eine andere Geschichte und eine andere rechtliche Funktion. Doch alle drei zeigen mit einem einzigen Zeichen, wer etwas gemacht hat, woher es stammt und worauf man sich dabei verlassen kann.

Vor rund 700 Jahren war der Stempel auf einem Silberstück mehr als Schmuck. Er garantierte Feingehalt und Herkunft. Das heutige Logo führt einen Teil dieser Aufgabe fort. Es soll gut aussehen, ist aber auch eine Art Zertifikat, das sagt, wessen Produkt das ist und was es verspricht.

Warum wir kopieren

Menschen und Unternehmen fälschen, imitieren und geben sich für andere aus, und das aus vielen Gründen.

Der einfachste ist Geld. Wer kopiert, spart sich die Zeit und die Kosten des Herstellens. Ein römischer Fälscher, der Kupfer mit Silber überzog, und ein heutiges Plagiat mit einer leicht veränderten Grafik unterscheiden sich kaum.

Doch Geld allein erklärt es nicht. In The Art of Forgery trifft Noah Charney, Gründer der Association for Research into Crimes against Art, eine interessante Unterscheidung. Kunstdiebe, schreibt er, interessieren sich meist nur für Geld und stehlen selten mehr als einmal, Fälscher dagegen sind weit komplizierter. Er ordnet ihre Motive nach Genie, Stolz, Rache, Ruhm, Verbrechen, Opportunismus, Geld und Macht. Am auffälligsten sind Fälscher, die sich an einer Kunstwelt rächen wollen, die sie abgewiesen hat, die ihr Talent beweisen wollen und dann auch die Anerkennung des Publikums brauchen. Das erklärt auch, warum van Meegeren seine Fälschungen nie billig verkaufte. Hätte er es getan, hätte niemand geglaubt, dass sie echt sind. Die Geschichte des deutschen Fälscherpaars Wolfgang und Helene Beltracchi wurde 2014 sogar als Dokumentarfilm verfilmt.

Und die Käufer? Wer wissentlich eine Fälschung kauft, kauft in Wahrheit ein Zeichen. In Deluxe schreibt die amerikanische Mode- und Kulturjournalistin Dana Thomas:

Heute brandmarken Logos Menschen: Wer einen Gegenstand mit aufgedrucktem Logo trägt, erklärt sich zum Mitglied eines Stammes, der sich der Botschaft und der Ethik dieser Marke verschrieben hat, im Grunde den Träumen, die die Marketingabteilung für einen heraufbeschworen hat. Logos von Luxusmarken stehen für Reichtum, Status und Schick, auch wenn die Trägerin des Logo-Produkts eine Hausfrau aus der Vorstadt mit mittlerem Einkommen ist, die es auf Kredit gekauft hat.

„Ich halte es heute für völlig unmöglich, [auf das Logo zu verzichten]“, sagte mir Miuccia Prada. „Die Wiedererkennung der Marke ist zu wichtig. Je mehr man sein Geschäft ausbauen will, desto mehr muss man sein Logo einsetzen.“
— Dana Thomas, Deluxe, 2007

Wenn das Logo ein Traum ist, lässt sich der Traum kopieren. Eine Handtasche trägt Dinge, und das Logo darauf trägt Zugehörigkeit. Wer Zugehörigkeit braucht, für den spielt es vielleicht keine große Rolle, ob sie echt oder falsch ist.

Eine unbequeme Wahrheit

Hier stoßen wir auf eine unbequeme Wahrheit. Wenn immer wieder Fälschungen desselben Gegenstands auftauchen, sieht zumindest irgendjemand im Original einen kommerziellen oder symbolischen Wert. Fälscher nehmen sich meist vor, was sich verkauft oder was Menschen besitzen wollen. In diesem Sinn ist eine Kopie auch ein unwillkommenes Kompliment. Unter dem Ärger einer Marke, die eine Kopie entdeckt, liegt eine bittere Erleichterung: Was wir geschaffen haben, ist am Markt so viel wert.

Doch die Erleichterung hält nicht lange. Werden Fälschungen zu häufig, verliert auch das Original an Wert. Sobald niemand mehr sagen kann, ob das Logo, das er auf der Straße sieht, echt ist, verschwindet auch, was sich der Käufer des Echten davon versprochen hat. Darin liegt der tiefe Schaden der Fälschung: Sie trifft nicht nur den Umsatz einer Marke, sondern ihre Bedeutung.

Auch das „Original“ ist nicht so einfach. In Deluxe, 2007 erschienen, nennt Thomas die Herstellung einer Luxushandtasche „eine Studie in Globalisierung“: Beschläge aus Italien und China, Reißverschlüsse aus Japan, Futter aus Korea, Stickereien aus Italien, Indien oder Nordchina. Ein Hersteller erzählte ihr von einem Zulieferer, der seine Seide als britisch ausgibt, sie in Wahrheit aber in China kauft, im Vereinigten Königreich lagert und dann zu europäischen Preisen verkauft. Noch bevor wir überhaupt fragen können, wo die Grenze zwischen echt und falsch verläuft, ist die Herkunft des Echten schon verschwommen.

Ein Original braucht etwas, das eine Kopie niemals mitnehmen kann, etwas jenseits von Herstellungsort, Material oder Logo. Diese Reihe will herausfinden, was dieses Etwas ist.

Was das Recht schützt

Die Gerichte ringen noch immer darum, wo die Grenze verläuft, und ihre Antworten sind weniger klar, als man erwarten würde.

Am 20. Februar 2025 hat der Bundesgerichtshof in drei zusammenhängenden Verfahren die Revisionen von Birkenstock zurückgewiesen. Das Unternehmen hatte drei Firmen verklagt, die ähnliche Sandalen herstellten oder verkauften. Es argumentierte, seine Designs seien urheberrechtlich geschützte Kunstwerke, und verlangte unter anderem, den Verkauf zu stoppen und die Produkte zu vernichten. Birkenstock hatte einen Grund, seine Sandalen Kunst zu nennen. Nach deutschem Recht endet der Designschutz 25 Jahre nach der Anmeldung, Kunst dagegen ist bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers geschützt. Bei einigen Modellen war der Designschutz bereits abgelaufen.

Der Vorsitzende Richter Thomas Koch und sein Senat antworteten knapp. Die Sandalen gehörten zum Design, nicht zur Kunst. Um urheberrechtlich geschützt zu sein, müsse ein Design so viel Gestaltungshöhe zeigen, dass seine Individualität erkennbar wird. Die Vorinstanz, das Oberlandesgericht Köln, hatte festgestellt, dass Karl Birkenstock sich an bestehenden Formen orientiert und im Rahmen des handwerklichen Könnens eines Schuhmachers bewegt habe.

An dieser Stelle dachte ich an den Schlichtungstisch zurück. Als ich den Schriftsatz der Gegenseite von damals hervorholte, fand ich fast dieselbe Logik. Eine Umschlaggestaltung sei nur ein Mittel, den Inhalt eines Buches zu präsentieren, und könne daher nicht losgelöst von ihrer praktischen Aufgabe als Umschlag existieren. Sie beriefen sich auf ein Urteil des koreanischen Obersten Gerichtshofs, wonach angewandte Kunst nur dann urheberrechtlich geschützt ist, wenn sie für die industrielle Nutzung vervielfältigt und von der praktischen Funktion des Gegenstands getrennt werden kann.

Vor einigen Jahren wurden die Designs meiner Frau erneut kopiert. Diesmal ging es um ihre eigene Lifestyle-Marke, und ein anderes Unternehmen übernahm einige ihrer Produktdesigns eins zu eins. Sie erfuhr davon über eine Kundin und ließ sich anwaltlich beraten. Dabei lernte sie, dass es nach dem koreanischen Designschutzgesetz keine Rolle spielt, ob sich die Gegenseite an ihrem Produkt orientiert hat, sondern nur, ob deren Design in den Schutzumfang eines eingetragenen Designrechts eingreift. Anders als das Urheberrecht fragt das Designrecht nicht nach der Absicht. Übrig gebliebenes Besatzmaterial eines Unternehmens, das mit dem Kopieren des Designs begonnen und dann aufgehört hatte, landete zudem in einem anderen Produkt. Ob beabsichtigt oder nicht: Ein einmal kopiertes Design führt zur nächsten Kopie. Vor derselben Frage verlangt das eine Gesetz den Nachweis von Individualität, das andere interessiert sich nicht für die Absicht, und ein Schlichter rät einfach, sich zu einigen.

Es gibt noch einen Grund, warum die Antworten der Gerichte nicht eindeutig sind. In Deluxe erklärt Thomas, warum Fälschungen in Guangzhou damals so schwer zu stoppen waren, und verweist auf die Sicht, dass sich Gesetze zum geistigen Eigentum westlicher Prägung in China relativ spät durchgesetzt haben. Chinas Markengesetz wurde 1982 verabschiedet, das Patentgesetz 1984 und das Urheberrechtsgesetz 1990.

Dennoch wäre es voreilig, daraus zu schließen, China habe „keine Geschichte des geistigen Eigentums“ oder sei „eine Kultur, die sich am Kopieren nicht stört“. Gesellschaften haben das Kopieren von Wissen und die Rechte des Einzelnen auf unterschiedliche Weise gegeneinander abgewogen, und moderne Gesetze zum geistigen Eigentum entstanden nicht überall zur selben Zeit oder aus denselben Gründen.

Manchmal sind die Seite, die das Original schützt, und die Seite, die sich daran bedient hat, ein und dieselbe. Das Box-Logo von Supreme entstand 1994. Weiße kursive Futura auf einem roten Kasten: Es ähnelt stark dem Stil, den die Konzeptkünstlerin Barbara Kruger seit den 1980er-Jahren verwendet. Gründer James Jebbia soll dem Designer einen Band mit Krugers Arbeiten als Vorlage gegeben haben, und Jebbia hat selbst gesagt, das Logo sei von ihr beeinflusst.

Und doch reichte Supreme im Mai 2013 eine Klage über 10 Millionen Dollar gegen Married to the Mob ein, eine Streetwear-Marke für Frauen, mit der Begründung, deren T-Shirt „Supreme Bitch“ verletze das Logo von Supreme. Das Design war 2004 erschienen, neun Jahre vor der Klage, und die Gründerin der Marke, Leah McSweeney, sagte, es sei ein Seitenhieb auf die frauenfeindliche Atmosphäre um Supreme und die Jungs gewesen, die die Marke tragen.

Als Complex Kruger um einen Kommentar bat, antwortete sie mit einer leeren E-Mail und einem einzigen angehängten Word-Dokument namens „fools.doc“. Mit Blick auf Leute, die sich ihre Bildsprache geliehen hatten und sich nun gegenseitig verklagten, schrieb sie: „Ich warte darauf, dass sie mich alle wegen Urheberrechtsverletzung verklagen.“

Kruger klagte nie. Später sagte sie, ihr gehöre weder die Schrift noch ein Logo. Stattdessen bedeckte sie im November 2017 im Rahmen der Performa-Biennale einen Skatepark an der Lower East Side mit ihren Slogans und inszenierte in SoHo einen Pop-up-Store namens Untitled (The Drop). Die Besucher standen Schlange für T-Shirts, Beanies und Skateboard-Decks, darunter ein rotes Deck mit der Aufschrift „DON’T BE A JERK“. Sie nahm den Drop, ein Verkaufsformat, das Marken wie Supreme berühmt gemacht hatten, und machte daraus ein Kunstwerk.

Barbara Kruger, Untitled, 2017, Installationsansicht, Coleman Skate Park, New York. Mit freundlicher Genehmigung: Performa, New York; Foto: © Paula Court
2017 beauftragte die New Yorker Verkehrsbehörde Metropolitan Transportation Authority sowohl Supreme als auch Kruger mit Designs für die MetroCard. Das Victoria and Albert Museum in London, das die Supreme-Karte besitzt, nennt die Entscheidung, beide im selben Jahr zu beauftragen, „einen klugen Kommentar zur Kopierkultur“. (Foto © Victoria and Albert Museum, London)

Eine neue Aufgabe für Marken

Was ist das Original, und wem gehört es? Die Antwort hat sich mit Zeit und Ort gewandelt. Heute müssen Marken selbst und immer wieder beweisen, dass sie einzigartig sind. Dass eine Marke etwas gemacht hat, reicht nicht mehr. Sie muss erklären können, wann sie es gemacht hat, worin es sich unterscheidet und warum es allein ihr gehört.

Auch die Orte, an denen dieser Beweis gefragt ist, sind mehr geworden. Früher waren es nur Gerichte und Zollbehörden, heute gehören Suchergebnisse, Online-Marktplätze, Social-Media-Feeds und Livestreams dazu. Generative KI kann inzwischen Produktseiten und Werbebilder massenhaft erzeugen. Findet man eines und beantragt die Löschung, kehren ähnliche Bilder und Angebote über andere Verkäufer und andere Konten zurück.

Der Start von Blue Ink

Diese Reihe heißt Blue Ink.

Dass man Dokumente mit blauer Tinte unterschreibt, hat einen praktischen Grund. Als Schwarzweißkopien die Regel waren, ließen sich Original und Kopie bei einer Unterschrift in schwarzer Tinte kaum unterscheiden, bei blauer Tinte dagegen leicht. Die Vorschriften der US Army erlauben schwarze wie blaue Tinte, doch manche Rechtsberatungsstellen empfehlen Blau, damit sich Originale leichter von Kopien unterscheiden lassen.

Blau allein garantiert keine Echtheit. Doch es ist seit Langem ein praktisches Mittel, etwas als verschieden von einer Kopie zu kennzeichnen. Bei van Meegerens Fälschungen war Kobaltblau, wie wir gesehen haben, einer der wissenschaftlichen Hinweise, die sie entlarvten. Blau ist mal das Zeichen, das Original und Kopie trennt, und mal die Spur, die eine Fälschung nicht verbergen kann.

Blue Ink folgt zwei Linien.

  • Origins: bemerkenswerte Episoden aus der Geschichte von Echtem, Falschem und Echtheitsnachweisen.
  • Makers: Marken, die gerade jetzt darum kämpfen, ihre Originalität zu schützen, eine Marke pro Beitrag.

Eines möchten wir von Anfang an klarstellen. Wir wollen mit dieser Reihe nicht darüber urteilen, was richtig oder falsch ist.

Heute ist fast alles eng miteinander verbunden, und die Arbeit ist auf Spezialisten verteilt. In den 1960er-Jahren fertigte Andy Warhol mit seinen Assistenten in der Factory Siebdrucke. Er sagte, er habe es von Hand versucht, finde das Sieb aber einfacher. Er müsse die Arbeit nicht selbst anfassen, und jeder seiner Assistenten, oder sonst jemand, könne sie so gut drucken wie er. Takashi Murakami, Damien Hirst und Jeff Koons fertigen ihre Werke seit Langem mit Dutzenden Assistenten, und Luxusmarken, die ihre Werkstätten in den Vordergrund stellen, sind keine Ausnahme.

Von links: Patricia Caulfields Fotografie von Hibiskusblüten, erschienen in der Juni-Ausgabe 1964 von Modern Photography; Warhols Ausschnitt der Fotografie, nur mit hinzugefügter Farbe; und das fertige Werk mit der schwarzen Siebdruckschicht. Caulfield verklagte Warhol 1966 wegen Urheberrechtsverletzung, der Fall endete mit einem Vergleich. Andy Warhol, Flowers, 1964–65. The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

Wie das Klischee sagt, gibt es nichts Neues unter der Sonne, und etwas zu schaffen, ohne beeinflusst zu sein, ist nahezu unmöglich. Wie Birkenstock und Supreme zeigen, ist die Grenze zwischen dem Schutz von Originalität und ihrer Verletzung oft unscharf. Vielleicht hatte das Kammermitglied an jenem Tag recht.

Und doch weiß jeder, der auch nur einmal etwas richtig und mit Sorgfalt geschaffen hat, dass die Abkürzung, sich zu nehmen, was anderen gehört, ihren Preis hat. Wir beginnen Blue Ink in der Hoffnung, dass mehr von uns immer wieder fragen, was etwas echt macht.

Text von Son Hyun
Englische Ausgabe von Park Jaeyong

Quellen und weiterführende Literatur

Noah Charney, The Art of Forgery, Phaidon Press, 2015
Dana Thomas, Deluxe: How Luxury Lost Its Luster, Penguin Press, 2007
Serena Davies, “The forger who fooled the world,” Telegraph, 2006
Foster Kamer, “Barbara Kruger Responds to Supreme’s Lawsuit: ‘A Ridiculous Clusterf**k of Totally Uncool Jokers,’” Complex, 2013
Johanna Fateman, “Battlegrounds,” Artforum
Thora Siemsen, “This is the Subtext,” Frieze, 2017
Performa Archive, “Barbara Kruger,” Performa 17 Commission
Victoria and Albert Museum, Explore the Collections, “Transportation Ticket,” CD.41-2018
The Andy Warhol Museum, “Underpainting and Photographic Silkscreen Printing”
Bundesgerichtshof, Urteil vom 20. Februar 2025, I ZR 16/24 (Birkenstock)
US Army, AR 25-50, Preparing and Managing Correspondence

Hinweis

Dieser Beitrag stammt von einem externen Autor und enthält dessen persönliche Ansichten. Er gibt nicht die offizielle Position oder die Ansichten von MarqVision wieder. Die genannten Marken und Fälle werden auf Grundlage öffentlich verfügbarer Informationen beschrieben; nichts davon soll einem Unternehmen oder einer Person ein Fehlverhalten unterstellen oder es bewerten. Der Beitrag gibt den Informationsstand vom Oktober 2026 wieder; einige Angaben können sich seither geändert haben.

1 Eine geometrische serifenlose Schrift, 1927 vom deutschen Buchgestalter Paul Renner veröffentlicht.

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